2012-03-24_TA Henryk Goldbgerg begleitet Pfarrer Holger Lübs rund um Erfurt

Henryk Goldbgerg begleitet Pfarrer Holger Lübs rund um Erfurt

Der Herr der zehn Türme: Pfarrer Holger Lübs ist verantwortlich für zehn evangelische Gemeinden rund um Erfurt. Und er ist nicht nur Seelsorger, er ist auch ein Manager und benötigt dafür die Hälfte seiner Arbeitszeit.

"Kommet zu Hauf..." Es sind neun Frauen und ein Mann, die das "Lobet den Herrn" singen. Der Frauenkreis, wir sitzen im Gemeindesaal des Pfarrhauses in Bischleben um den gedeckten Tisch. Frau Weber hatte Geburtstag und sich dieses Lied gewünscht. "Kommet zu Hauf..." - das klingt auch ein wenig wie Trauer und Hoffnung. Denn es sind keine Haufen, die kommen, den Herrn zu loben.

Kämen sie alle, wenn Holger Lübs ruft, dann wären es etwa 1900 Seelen. "Seelen" sagt Lübs, nicht "Gläubige". "Ich bin ja auch Seelsorger".

Aber nur zur Hälfte. Zur anderen Hälfte ist er ein Manager der irdischen Dinge, ohne die Gottes Kirche nicht leben kann auf Gottes Erde. Ab 1300 Gemeindegliedern steht eine ganze Stelle für einen Pfarrer zur Verfügung. Lübs hat 600 mehr, er hat zehn Dörfer, er hat also zehn Kirchen und zwei Kindergärten, er ist der Chef von etwas über 20 Mitarbeitern. Und er ist Vorsitzender des Evangelischen Kunstdienstes und der ökumenischen Telefonseelsorge. Die Folge davon ist ein Pfarrer, der wenig zu tun hat mit dem in biedermeierlicher Behaglichkeit durch die Gemeinde wandelnden Gottesmann.

Im Pfarrhaus, an der Wand, die Namen aller, aller Vorgänger - beginnend mit Johann Strohmayer, 1517. "Holger Lübs 2001" steht da in starkem Rot. Es hat etwas von dem Grabstein, dem noch das Sterbedatum fehlt. Diese Wand stellt den Hausherrn in eine Tradition.

Holger Lübs hat mit einer Tradition des evangelischen Pfarrhauses gebrochen, der Mitbewohner ist ein Mann, sein Partner. Der hat den Tisch gedeckt für den Frauenkreis, während der Herr Pfarrer noch unterwegs war.

"Gott", sagt Lübs in einem anderen Zusammenhang, aber er wird auch ein wenig sich selbst meinen mit solchen Sätzen, "ist kein kleinbürgerlicher Spießer". Und: "Der Mensch braucht niemanden, der ihm sagt, das darfst du und das nicht". Und: "Das Christentum ist etwas anderes als die bürgerlichen Moraltugenden". Das Bild des Pfarrers hat sich geändert, die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen auch.

Aus der Freiheit leben, sagt er, und bezieht sich auf Paulus, das ist schwieriger, als wenn das Leben mit Normen bewehrt ist.

Oben, in der Wohnung von Holger Lübs, liegt ein Band Novalis auf dem Flügel. Und am Fenster grinst ein kleiner Puppen-Teufel.

Wir treffen uns Dienstagmittag, Erfurt, Jugendamt. Hochwürden trägt einen Ring im Ohr und ein Tuch am Hals.

Lübs braucht eine Stelle für einen der beiden evangelischen Kindergärten, die zu seinem Pfarramt gehören. Oben sind der Amtsleiter und die Verantwortliche für die

Kindergärten. Ein entspanntes Gespräch. Er kann die Stelle haben, wenn er acht Kinder mehr hat.

Zwei Tage später erfährt er, dass der junge, qualifizierte Pädagoge, den er für den Job wollte, lieber nach München geht.

Wir fahren nach Bechstedt-Wagd, der nächste Termin, Seniorenkreis. Ob er, frage ich, nicht manchmal Angst hat, diese Umtriebigkeit, diese Terminhetzerei könnte ihn

auffressen, wegführen vom Eigentlichen seines Berufs?

Nun ja, sagt er, der Gottesdienst zum Beispiel sei ein Ort der Ruhe, der Einkehr, nicht nur für die Gemeinde. "Ich mache Gottesdienst für den Herrn." Der Mann sagt

manchmal solche Sätze und dann wundert man sich ein wenig, weil man leicht vergessen kann, dass dies ein Mann Gottes ist.

Auch an diesem Wochenende ist Gottesdienst. Er weiß nie, ob da zehn Menschen kommen oder einer. Deprimierend? Es ist die wirkliche Welt. Die Bindung an die

Gemeinschaft der Kirche ist nicht mehr so eng, Gottes Dienst ist nicht mehr selbstverständlicher Teil des Bewusstseins. Glaube ist persönlicher geworden, esoterischer. "Für manche ist die Kerze zu Hause auch ein Gottesdienst."

Wenn er Events organisiert, dann kommen die Leute, 300 zum Gottesdienst im Willrodaer Forst. "In der Diktatur", sagt er, "hat die Kirche es einfacher".

Aus der Freiheit leben. Und in der Freiheit bedeutet Gott nichts als Gott. In dem Gebiet, für das er jetzt allein verantwortlich ist, arbeiteten in der DDR fünf Pfarrer. In Egstedt hat er das Pfarrhaus verkauft, da wird es nie wieder einen eigenen Pfarrer geben.

Wir sind in Bechstedt-Wagd, im Bürgerhaus, der Seniorenkreis trifft sich einmal im Monat. Hier zeigt sich gelebte Statistik: 14 Menschen sitzen um den gedeckten Tisch, 3 davon Männer. In dieser Altersklasse, sie könnten alle meine Eltern sein, leben mehr Frauen. Und sie sind lebendiger, aktiver als die noch lebenden Männer.

Frau Grün hatte Geburtstag, es gibt Kuchen, später ein Glas Sekt. Frau Stüber entschuldigt sich gleich bei Lübs für den nächsten Kirchenrat, ihre Schwester kommt. Aber wenn der Kreis nach Barcelona fährt, da will sie mit.

Holger Lübs wirbt, Pfingstmontag ist der MDR in Kirchheim, da werden Fans gebraucht, es wird Geld ausgespielt für die teilnehmenden Orte. Eine der Damen glaubt laut und deutlich nicht, dass die Kirchheimer ihnen gegebenenfalls etwas abgäben vom Geldsegen. Bechstedt-Wagd und Kirchheim gehören zusammen, aber der Bürgermeister sitzt in Kircheim. Diese Konkurrenz sitzt, sie ist durch keinen Verwaltungsakt auszurotten. Frau Stübner ist eine Zugezogene, sie lebt erst seit 56 Jahren hier.

Der Pfarrer dämpft. Er hat sich, erklärt er mit Geduld, mit dem Bürgermeister verständigt. Erst wird die Kirche in Kirchheim fertig saniert, dann bekommt der Turm hier einen neuen Helm. Später erklärt er mir, wenn die Bausummen mit der Gießkanne verteilt würden, dann ginge es nirgendwo sichtbar vorwärts. Bauherr ist der Herr Pfarrer auch. Das mag hier so stehen bleiben, obgleich er mir und anderen erklärt, dass der "Herr Pfarrer" eigentlich ein sprachlicher Unsinn ist.

Der Seniorenkreis ist hier, jenseits des Glaubens, auch ein Ort der Kommunikation. Frau Mönch, die neben mir sitzt und einmal ehrenamtliche Bürgermeisterin war, erzählt mir leise von den "Nightingales", so heißt der Chor in Bechstedt-Wagd.

Eine Gaststätte gibt es nicht, bis vor zwei Jahren wurde die Kegelbahn bewirtschaftet, der Wirt hat die ihm gehörende Einrichtung mitgenommen.

Alle klopfen jetzt für Frau Keller anerkennend auf den Tisch, der Pfarrer hat ihr gedankt für die Obhut über die Rosen. Aber nun schlägt er vor, man könne doch in diesem Jahr Bodendecker pflanzen, das mache weniger Arbeit. Aber da macht Frau Keller nicht mit. Bodendecker, sagt sie, mit ihr nicht. Der Pfarrer lacht und hebt die Hände.

Aber ein Ästhet ist er doch. Im Auto erzählt er später, dass er zum Gottesdienst den weißen Talar bevorzugt. Schwarz ist die Farbe des Amtes, Weiß die des Priesters. Und die weißen Grabsteine, die er dem Friedhof in Bischleben verordnet hat? Da ist kein Zusammenhang, sagt er, und das gehört zu dem Wenigen, das ich ihm nicht glaube. "Die Kirche", sagt er, "hat auch einen kulturellen Einfluss". Und er ist der Mann, der ihn wahrnimmt, nach Maßgabe seines Geschmacks.

Wir fahren nach Hochheim, der Kindergarten. Die Leiterin, die Vertreterin der Mitarbeiter, die der Eltern, der Kirchenrat. Eine Praktikantin würde später gern hier arbeiten, die fachliche Beurteilung ist gut. Lübs fragt nach ihrer kirchlichen Bindung, nach ihrer Bereitschaft, sich taufen zu lassen. Kein Problem, sagt die junge Frau und es fühlt sich ein wenig an wie eine Maßnahme für einen Arbeitsplatz. Die anderen haben es auch gemerkt.

Die andere junge Frau, die am 1. April hier anfangen will, ist erfahren in dem Beruf, sie wirkt souverän, nächstens wird ihre Tochter getauft. "Ich glaube", sagt Lübs nach dem Gespräch, "die würde gut zu euch passen".

"Das war auch", sagt Lilian Schlögl, die Leiterin, "meine Favoritin". Drei waren schon abgesprungen.

Zwei Tage später stellt sich heraus, auch diese ist abgesprungen.

Holger Lübs hat jetzt, es ist Abend, eine Tagung des Finanzausschusses. Er nimmt mich mit und sie schicken mich wieder raus. Es ist ihr Recht, ich bin ein Fremder.

Sein Donnerstag beginnt 8.30 Uhr mit dem Evangelischen Ministerium, ich komme später dazu. 13 Uhr, wieder der Kindergarten, das Festkomitee, er wird bald 100. Die Diakonissenschülerinnen, erzählt der Pfarrer, konnten wohl nicht immer so gut mit den Kindern, aber putzen, das konnten sie.

Er erinnert sich, wie er als Kind zum Essen gezwungen wurde, bis er sich erbrach. Später, sagt er, habe er den Kindern erklärt, sie müssten nicht essen, was sie nicht wollten.

Nun wieder der Frauenkreis in Pfarrers Haus, Pfarrers Mutter ist auch dabei.

"Elfriede, du bist dran" sagt eine der Damen, es geht um die Sammelbüchse, die niemand liebt. Frau Weber, mit zwei Krücken, kommt zu spät, sie klopft auf den Tisch und setzt sich. Frau Weber hat noch einen Mann zu Hause, aber der kommt nicht mit, da müsste er sich umziehen. Er geht lieber in den Garten. Frau Schmidt hat 1958 gesammelt, sie weiß es, vorher war ihr Mann gestorben.

Letztens, sagt eine der Damen, der Bestatter, der war nett. Die Frauen hier haben viele Pfarrer erlebt. Die Beerdigung von meinem Mann, sagt Frau Kühne, war schlimm, und meint den Pfarrer von damals. Zwei andere widersprechen, sie hatten eine schöne Beerdigung, "da kann ich nichts sagen".

"Auf jeden Fall", sagt Frau Kühne zu dem Pfarrer Lübs, "hast du das Haus hier geöffnet". "Mit Ihnen", sagt Frau Griesel, "haben wir das große Los gezogen".

Dann singen sie "Lobet den Herrn" und beten das Vaterunser. Der Partner von Holger Lübs fährt die Damen nach Hause. Und sie machen einen sehr zufriedenen Eindruck.

Die Kirche in Zahlen

  •     Holger Lübs ist Pfarrer in den Gemeinden Bechstedt-Wagd, Rhoda, Waltersleben, Werningsleben, Egstedt, Kirchheim, Hochheim, Bischleben, Möbisburg und Schmira.
  •     In Thüringen gibt es 1266 Kirchengemeinden, die sich in die Kreiskirchenämter Gera mit 477 Gemeinden, Gotha mit 383 Gemeinden und Meinigen mit 407 Gemeinden aufteilen.
  •     Insgesamt 531.324 Thüringer gehören einer Kirchengemeinde an.
  •     Die Kirchengemeinden sind mehrheitlich in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) vereint, die in Thüringen, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt 3251 Gemeinden und 839.916 Mitglieder hat.
  •     In der EKM arbeiten 1037 Pastorinnen und Pfarrer sowie 75.000 Ehrenamtliche in 4031 Kirchen.
  •     Pro Jahr finden in Thüringen rund 46.000 Gottesdienste, 4200 Taufen, 1200 Trauungen und 7000 Bestattungen statt.

Henryk Goldberg / 24.03.12 / TA

Bild 1: Holger Lübs, der 1967 in Magdeburg geboren wurde, ist Pfarrer für zehn Kirchen - hier in der von Bischleben, dem Ort, in dem er seinen Dienstsitz hat. Foto: Alexander Volkmann
Bild 2: Holger Lübs steht in einer langen Tradition. Foto: Alexander Volkmann
Bild 3: Der Frauenkreis von Bischleben und Möbisburg - der Pfarrer neben seiner Mutter. Foto: Alexander Volkmann

22.05.2012 von Thomas Hartmann

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