2011-11-09_TA Knüpfen am Schulnetz

Knüpfen am Schulnetz

Im Gespräch mit Werner Ungewiß, Leiter des Amtes für Bildung

Dr. Werner Ungewiß sprach mit Birgit Kummer über neue Gesetzlichkeiten und millionenschwere Planungen. Detaillierte Kosten für verschiedene Varianten seien allerdings noch nicht bezifferbar.

Erfurt. Heiße Debatten laufen über die Schulnetzplanung in Erfurt. Eltern und Schüler aus Urbich kämpfen für den Erhalt der Grund- und der Regelschule. Hochheim macht weiter mobil. Die Rudolf-Diesel-Berufsschüler wollen in ihrer Schule bleiben. Über Planungen und Verwerfungen kann Werner Ungewiß, Leiter des Amtes für Bildung, ein Lied singen.

Warum hat die Stadt überhaupt das ganze Hin und Her angezettelt, fragen viele Leser. Erfurt hat doch ein funktionierendes Schulnetz.

Es gibt neue Gesetze. Die Vereinten Nationen beschlossen eine UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, sie ist bereits in Kraft. Seither macht das Wort Inklusion die Runde, das bedeutet, dass jede Schule den Bedürfnissen aller Schüler Rechnung tragen soll. Langfristig bedeutet das für uns ein Ende der Förderschulen und einen gleichberechtigten, gemeinsamen Unterricht. Dazu müssen wir die Bedingungen schaffen. Außerdem gibt es ein neues Thüringer Schulgesetz, eine neue Schulordnung.

Und das Zauberwort Gemeinschaftsschule?

Auch sie steht jetzt im Gesetz. Eine Gemeinschaftsschule bietet Unterricht von Klasse 1 bis Klasse 12. Oder bis Klasse 10, wenn die jeweilige Schule eine Kooperation mit einem Gymnasium eingeht. Es muss zudem die Möglichkeit eingeräumt werden, dass Kinder nach Klasse 4 jederzeit in eine andere Schule wechseln können. Das alles sind große Veränderungen, die wir in maßvollen Schritten vorbereiten müssen.

Wann muss alles in Sack und Tüten sein?

2014. Deshalb ist die jetzige Planung nur auf zwei Jahre angelegt.

Seit wann knüpfen Sie am neuen Netz?

Im Mai gab es die erste Klausur mit Schulamt, Bildungsamt, Bürgermeisterin und Kreiselternsprechern. Wir mussten mit einer Variante beginnen, mit der viele Probleme gelöst werden könnten. Die liegt jetzt auf dem Tisch und wird diskutiert.

Sie wollen Schulen schließen.

Wir wollen Schulen zusammenlegen und Platz für andere schaffen, den Druck aus den Gymnasien nehmen, das ganze Netz flexibler machen.

Eltern und Kinder in den zur Schließung vorgeschlagenen Schulen leisten Widerstand.

Das ist ihr gutes Recht. Und es befördert die Diskussion. Entscheiden wird der Stadtrat.

Wie ist der Stand?

Bei uns gehen laufend Stellungnahmen ein, allein aus Marbach Hunderte. Am 15. Dezember tagt der Ausschuss für Bildung. Wann der Stadtrat das Schulnetz auf die Tagesordnung nimmt, steht noch nicht fest.

Warum werden nicht einfach die Schulbezirke aufgelöst wie in Jena und jeder sucht sich die passende Schule für sein Kind aus?

Weil es viel Geld kosten würde, denn für alle Strecken ab drei Kilometer müssten wir als Stadt den Schülertransport organisieren. Allein im ersten Jahr hätten wir Mehrkosten von etwa 180 000 Euro für die Schülerbeförderung. Außerdem gäbe es in besonders gefragten Schulen ellenlange Wartelisten und Lostöpfe. Wir wären nicht wirklich weiter als jetzt. Aber wir wollen das prüfen, wenn der Stadtrat uns den Auftrag dazu gibt.

Wenn sich die protestierenden Eltern durchsetzen, käme das die Stadt auch ziemlich teuer. Neubauten oder Container fallen nicht vom Himmel.

Ein Pavillon für die Erweiterung des Standorts Hochheim würde 100.000 Euro kosten, wir würden vier benötigen.

Können Sie beziffern, wie teuer das Schulnetz wird?

Nein, denn es sind ja verschiedene Varianten im Gespräch. In jedem Fall muss die Stadt viel Geld ausgeben.

Sie waren Gast der Schulkonferenz der Diesel-Berufsschule. Wie ist es gelaufen?

Die Diskussion war sachlich. Die Schule schreibt jetzt eine weitere Stellungnahme, den Inhalt kenne ich noch nicht.

Heute haben Eltern alle Fraktionen nach Urbich eingeladen, um den Schulstandort mit Grund- und Regelschule vorzustellen. Sind Sie dabei?

Ich bin einige Tage nicht in Erfurt, aber ich kenne die Situation. Ich denke, es ist gut, wenn sich die Fraktionen selbst ein Bild machen. Die Abgeordneten müssen schließlich die Beschlüsse fassen.


Birgit Kummer / 09.11.11 / TA


    Bild:  Werner Ungewiß musste in den vergangenen Wochen häufig Rede und Antwort stehen. Auch beim Schulforum der TA ergriff er das Wort. Foto: Marco Schmidt 

09.11.2011 von Thomas Hartmann

Werner Ungewiß

Zum Start der Bilderschau ein Bild anklicken.