2011-10-18_TA Jüngere und lebenswertere Dörfer

Fördergelder für 37 Thüringer Gemeiden ab 2013

Thüringens Umweltminister Jürgen Reinholz (CDU) läutet die nächste Runde der Dorferneuerung ein. 37 Gemeinden können ab 2013 Fördergelder beantragen. Statt in Neubaugebiete sollen die Mittel künftig vor allem in die Ortskerne und in Angebote für junge Familien fließen.

Erfurt. Bislang ist es nicht viel mehr als eine Chance. Die Bürgermeister von 37 Thüringer Ortsteilen und Gemeinden erhielten gestern in Groschwitz-Rudolstadt von Umweltminister Jürgen Reinholz eine Urkunde, die es ihnen erlaubt, künftig Fördergelder zur Dorferneuerung zu beantragen.

Eine Garantie, dass die rund 25 Millionen Euro im Förderzeitraum von 2013 bis 2017 auch tatsächlich fließen, ist das aber noch lange nicht. Und das liegt nicht allein an den laut Umweltministerium "noch höheren Qualitätskriterien", die künftig an die Vergabe der Gelder angelegt werden sollen.

Viele Gemeinden befürchten, die nötigen 35 Prozent Eigenmittel nicht aufbringen zu können. Die Kürzungen der Landeszuweisungen und die steigende Kreisumlage drohen tiefe Löcher in die kommunalen Haushalte zu reißen.

Für kostspielige Bau- und Investitionsvorhaben bleibt da nicht mehr viel übrig. "Ich glaube nicht, dass wir die in Aussicht gestellten Fördermittel voll abrufen können", berichtet der Ingerslebener Ortsteil-Bürgermeister Detlef Stender (SPD) von seiner Sorge, die Förder-Trauben könnten künftig zu hoch hängen.

Die in dem Ortsteil der Gemeinde Nesse-Apfelstädt beantragten Projekte belaufen sich auf eine Gesamtsumme von knapp einer Million Euro, Ingersleben muss also einen Eigenanteil von rund 350.000 Euro aufbringen.

Vielleicht wird man sich auf ein oder zwei herausragende Projekte wie den Ausbau des Heimatmuseums konzentrieren müssen, wo Deutschlands größte Siegellack-Sammlung seit Jahren auf zusätzliche Räume wartet, um endlich dauerhaft ausgestellt werden zu können.

Thüringen gibt weniger für Dorferneuerung aus
Insofern fällt es wahrscheinlich gar nicht so sehr ins Gewicht, dass die Fördermittel von Land, Bund und EU laut Reinholz mittelfristig sinken werden.

Im vergangenen Jahr hatte Thüringen noch knapp 29 Millionen Euro für Dorferneuerung ausgegeben, im aktuellen Haushalt stehen allerdings nur noch 27,9 Millionen bereit.

Gleichzeitig stimmte Reinholz die Bürgermeister auch auf eine Neuausrichtung der Förderungsschwerpunkte ein. Angesichts der demografischen Entwicklung gehe es in Zukunft vor allem darum, "Schrumpfungsprozesse positiv zu begleiten", so der Minister.

Olaf Jungklaus (UWG), Bürgermeister von Schwabhausen, fasste das Gehörte so zusammen: "Heute geht es nicht mehr darum, irgendwo auf der grünen Wiese ein neues Wohngebiet auszuweisen. Wir müssen vor allem die innerdörfliche Entwicklung vorantreiben."

Heißt: Konzentration auf die Kernbereiche dörflichen Lebens, Schaffung eines attraktiven Umfelds für junge Familien. In Schwabhausen soll dazu ein verfallener Bauernhof mitten im Ortskern zunächst renoviert und anschließend mit Leben gefüllt werden. Geplant sind die Einrichtung einer Ferienwohnung, einer Festscheune und die Ausstellung historischer landwirtschaftlicher Geräte. Bis zu 600.000 Euro erhofft sich Jungklaus dafür vom Land.

Andere Ideen hat man in Kleinbrembach. Ein altes Pfarrhaus aus dem 19. Jahrhundert soll dort saniert und zum "Wohlklanghaus" umgebaut werden. Vor allem Familien und Kinder will Bürgermeisterin Beate Raube (parteilos) für die Idee begeistern, in Kleinbrembach historische Geräusche wie das Mahlen einer Kaffeemühle, das Dengeln einer Sense oder das Schnattern von Gänsen wiederzuentdecken.

In den motivisch eingerichteten Räumen sollen einmal entsprechende Abspielgeräte bereitstehen. Rund 170.000 Euro könnten dafür aus den Mitteln der Dorferneuerung fließen.

Die Sorgen zahlreicher Gemeinden, die nötigen Eigenmittel nicht zusammenzubekommen, sind Reinholz derweil durchaus bewusst. Verfallen werden die Fördergelder dennoch nicht. Nicht abgerufene Mittel werden gegebenenfalls einfach auf Vorhaben anderer Kommunen umgeschichtet, hieß es dazu gestern aus dem Umweltministerium.

Zahlen und Daten zur Dorferneuerung

    * In Thüringen gibt es etwa 2700 Dörfer.
    * Rund 70 Prozent davon waren bislang in der Dorferneuerung.
    * Im Landeshaushalt 2011 stehen 27,9 Millionen Euro für die Dorferneuerung bereit.
    * Weit über 60.000 Projekte wurden seit 1991 aus dem entsprechenden Topf gefördert.
    * In diesem Zeitraum wurden rund 750 Millionen Euro Fördermittel ausgezahlt.
    * Nach Angaben des Thüringer Landwirtschaftsministeriums wurde damit ein Investitionsvolumen von etwa 1,5 Milliarden Euro ausgelöst.
    * Die Dorferneuerung finanziert sich aus Landes-, Bundes- und EU-Mitteln.
    * 117 Dörfer und Gemeinden haben im Jahr 2011 die Möglichkeit, Fördergelder zu beantragen.
    * Der Fördersatz für Gemeinden und Gemeindeverbände beträgt bis zu 65 Prozent.


Felix Voigt / 18.10.11 / TA

Bild: Auch Ringleben kann Fördergelder beantragen. Foto: Wilhelm Slodczyk



Kommentare zu Fördergelder für 37 Thüringer Gemeiden ab 2013
18.10.11 - 08:39
Realist
Immer diese Krokodilstränen. Die demografischen Studien sind verheerend für den ländlichen Raum und die Förderrichtlinien wurden entsprechend angepasst, nur keiner will es wohl wahr haben, oder hat sie gelesen. Es wird nicht mehr jedes Kuhdorf gefördert. Hier muss ganz einfach gesagt werden, dass viele Dörfer in Zukunft einfach von der Landkarte verschwinden werden. Und da wäre es rausgeschmissenes Geld, heute noch den Dorfteich noch zu entschlammen. Gefördert wird lediglich noch der ländliche Raum um die "Leuchttürme", sprich entlang der A4 und das auch nur, wenn die Gemeinden die entsprechenden Eigennmittel haben. Wer schon jetzt, aufgrund der Demografie, die Eigenmittel nicht mer aufbringen kann, stirbt eben eher. Statistisch gibt es in einhundert Jahren sowieso nicht einen einzigen Thüringer mehr. Warum sollte ich da ausgerechnet noch den ländlichen Raum fördern? Natürlich reden die Politiker anders, immerhin wohnen dort noch die treuesten CDU-Wähler. Aber eines muss den Leuten klar sein. Das Sterben der Dörfer haben sie ebenjener CDU mit ihrer Treuhand, den anderen Grausamkeiten der Wiedervereinigung, sowie ihrer Billiglohnstrategie in Thüringen zu verdanken. Hoffentlich kommt das auch mal in den Dörfern an. Eine CDU in Thüringen hat heute nur noch die Rolle eines Konkursverwalters, der das Bundesland langsam still legt.

26.10.2011 von Thomas Hartmann

Auch Ringleben kann Fördergelder beantragen. Foto: Wilhelm Slodczyk

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