2011-10-11_TA Ich hatte schon Abschied genommen

Ich hatte schon Abschied genommen

Meine Wende: Matthias Eichhorn glaubte bereits, die Romantik in der einsamen Grundmühle im Weißbachtal bei Töttelstedt würde für immer verloren gehen. Nach der Wende ergriff er die Chance, kaufte das alte Haus und ist heute der Wirt des beliebten Ausflugslokals mitten im Wald.

Ich bin schon als Kind mit meinem Vater gern in die Grundmühle gegangen. So verwunschen war sie, so anders. Die Tante meines Vaters wohnte dort.
Als sie starb, war ich 25. Ich hatte einen Job als Klempner in einem Privatbetrieb. Im Erfurter Norden bewohnte ich mit Freunden ein Abrisshaus. Ein unbeschwertes Leben führten wir, mit langen Fetennächten.

Aber irgendetwas fehlte.

Einmal saßen wir mit Kollegen zusammen. 20 Jahre arbeite er schon in der Firma, erzählte einer, und freue sich immer nur auf den nächsten Urlaub. 55 Jahre war der alt. Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, er würde alles anders machen.

Das ist so ein Moment, in dem einem vieles klar wird. Wo man nachdenkt, wie man sein Leben leben soll. Sonst kann es vergehen, ohne dass man etwas wagt. Ich wollte nicht so leben, dass ich etwas bedauern müsste. Hätte man damals. . .

Nach dem Tod meiner Großtante stand die Grundmühle leer, niemand wusste, was aus dem Ort werden würde. Ich stellte mir vor, wie es wäre, dort zu leben. Je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer wurde ich mir: ich muss es wagen.

Die LPG Töttelstedt hatte inzwischen die Grundmühle gekauft. Im Rat des Kreises hatten sie große Pläne. Ein Schulungszentrum wollten sie aus der Mühle machen, mit einer Straße und einer Ferienanlage auf der Klosterwiese.

Ich ging trotzdem zum LPG-Vorsitzenden. Du kannst dort wohnen, sagte er, aber wenn es losgeht mit dem Bau, musst du raus. Aber es war ja noch die DDR. So was dauert, dachte ich mir. 1986 zog ich ein. Es gab keinen Strom, Wasser musste ich aus der Quelle holen. Mir fehlte trotzdem nichts.

Die Grundmühle kannten viele noch aus den Erinnerungen der Alten, als sie noch Schenke war. Unheimliche Geschichten wurden erzählt, von spukenden Geistern auf der Klosterwiese. Ich glaube, dass sich manche tatsächlich ein bisschen vor der Mühle gegruselt haben.

Freunde kamen mich besuchen und zunehmend Leute aus den umliegenden Dörfern. Töttelstedt, Witterda, Tiefthal, Friedrichsdorf. Wir haben zusammen gesessen und geträumt, wie schön es wäre, diesen Ort zu bewahren. Seine Romantik, das Geheimnisvolle. Bis in die Nacht hinein haben wir gesessen, bis das Käuzchen rief. Dann nahmen sie ihre Laternen und stolperten durch die Dunkelheit nach Hause.

Was konnte man schon ausrichten, gegen die Baupläne?

Im Frühjahr 1989 kamen die ersten Fahrzeuge, schleppten Kabeltrommeln und Betonplatten an. Es hieß, bald geht es los.

Ich wollte auch nicht aus der DDR weg
Ich begann leise Abschied zu nehmen.

Die boten mir eine Stelle als Hausmeister an, ich hätte bleiben können. Aber es wäre nicht mehr die Grundmühle gewesen.

Es wurde Sommer. Meine Freundin und ich beschlossen nach Bulgarien zu fahren. Vier Wochen Sonne und Meer, dann komme, was wolle.

Ich wollte nie hier weg.
Ich wollte auch nicht aus der DDR weg.

Ich habe zwar den Wehrdienst verweigert, aber das hier war meine Heimat.

Dass es dann trotzdem so kam, ist eine ziemlich verworrene Geschichte. So wie die Zeit damals war.

In Bulgarien bekamen wir nur einen Rückflug bis Budapest. Dort mussten wir uns weiter kümmern. So kamen wir im Sommer 1989 nach Ungarn.

Sie haben bei Sopron die Grenze aufgemacht, hieß es. Wir hatten noch eine Woche Urlaub. Ein Freund von mir lebte in Bayern, Rosenheim. Den besuchen wir jetzt, beschlossen wir. Eine Woche, dann kommen wir zurück und fahren nach Hause. Ist ja offen, die Grenze. So eine Chance! In der Tasche hatten wir die Rückflugtickets nach Erfurt.

Wir gingen durch die Grenze. Einfach so! Ich war fassungslos, neugierig und voller Spannung.
In den Zelten des Österreichischen Roten Kreuzes gab es Kaffee und Bananen. Eine Schwester umarmte uns und gratulierte: "Sie sind jetzt in der Freiheit!" "Wir wollen nur einen Freund besuchen und wieder zurück", entgegnete ich. Die Schwester war verwirrt. Das ginge nicht, die Ungarn ließen zwar DDR-Bürger hinaus, aber nicht wieder hinein.

Uns traf der Schlag. Waren die Brücken nach Hause abgebrochen? Da saßen wir nun im Rot-Kreuz-Zelt mit unserem Westkaffee zwischen den Bananenkisten. Was jetzt?

Die Schwester erzählte von einem Loch im Zaun an anderer Stelle, da könnten wir zurück. Sie versprach, zu helfen. Da wurde der Westen wieder schön, wir trampten über Wien nach Rosenheim.

Vielleicht lag es an den Gesprächen mit meinem Freund, der erzählte, wie toll und einfach hier alles sei. Ich könne sofort bei seinem Chef als Klempner anfangen. Vielleicht war es auch der Gedanke an die Baumaschinen, die bald in der Grundmühle anrücken würden. Vielleicht die Unsicherheit überhaupt, was jetzt zu Hause wird. Jedenfalls beschloss ich, zu bleiben.

In Bayern fehlte mir die Grundmühle
Meine Freundin nicht, sie wollte zurück zur Familie. Also luden wir ihre Sachen ins Auto, und mein Freund brachte uns zur Grenze. In Sopron würden wir uns wieder treffen, so war es ausgemacht. Im Rot-Kreuz-Zelt trafen wir erneut die hilfsbereite Schwester. In der Nacht brachte uns ihr Bekannter an die Grüne Grenze.

Wir robbten im Dunkeln, durch Stacheldraht, dann durch ein Maisdickicht, bis uns plötzlich Lichtkegel blendeten. Stehen bleiben! Es waren ungarische Grenzer. Wir fanden uns in der Zelle einer Grenzstation wieder.
Sie werden uns ausliefern! Ich sah uns schon in der Erfurter Andreasstraße von der Stasi verhört. Das traurige Ende unseres Westbesuchs.
Stattdessen erklärten uns die Ungarn freundlich, wir mögen doch bitte den offenen Grenzdurchgang in Sopron nehmen.
Wie sollten sie auch auf die Idee kommen, dass zwei DDR-Bürger versuchen illegal in den Osten zu kommen?

In Budapest verabschiedete ich meine Freundin. Kein Wort zu niemandem, versprachen wir uns. Und wir sehen uns wieder.

Ich fuhr zurück nach Sopron, überquerte die Grenze. Wurde Westdeutscher, mit einem grünen Pass, einem Job in Rosenheim und abendlichem Stammtisch. Es war alles so einfach, so herausgeputzt. Es war eigentlich keine schlechte Zeit. Es war sogar eine sehr gute Zeit.

Aber mir fehlte etwas. Mir fehlte die Grundmühle.

Es wurde November. Zu Hause überschlugen sich die Ereignisse. Mit meiner Freundin verabredete ich mich im tschechischen Karlovy Vary. Unterwegs im Autoradio erzählten sie von Schlangen an den Grenzen, von tanzenden Menschen an der Mauer. Es hörte sich an wie ein verrücktes Märchen.

Vielleicht liegt ein guter Stern über diesem Ort
In Rosenheim erfuhr ich, meine Freunde hatten sich um den Erhalt der Grundmühle bemüht. Sie hatten sogar eine Initiative gegründet und einen Baustopp erwirkt. Dann schickte mir jemand einen Zeitungsausschnitt: die Grundmühle steht zum Verkauf.

Ich wusste sofort: das ist deine Chance.

Die in der LPG waren fair. Sie wollten genau den Preis, den sie damals bezahlt hatten. Es gab auch andere Bewerber.

Bis die Verträge unterschrieben waren, wurde es Februar. Im September zog ich in die Grundmühle ein. Mit meinem gebrauchten Auto und 20 Mark in der Tasche und einer Gewerbegenehmigung. "Schankwirtschaft mit Braterlaubnis". So hieß das damals.

Das Gefühl vergesse ich nie. Ich steh auf dem Hof, höre den Bach rauschen und denke: ich hab es geschafft.

Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich mich in irgendeiner Situation anders entschieden. Und dann denke, dass es vielleicht genauso vorherbestimmt war. Von wem auch immer.

Ich werde oft gefragt, was die Grundmühle so besonders macht. Dann weiß ich keine rechte Antwort. Manchmal denke ich, es liegt ein guter Stern über diesem Ort. Vielleicht ist ja auch alles ganz simpel. Vielleicht braucht der Mensch solche Inseln, wo alles so einfach ist, so vertraut und beständig. Man kann es auch Heimat nennen.

Zur Person
Matthias Eichhorn wurde 1961 in Erfurt geboren. Er arbeitete als Klempner in einem Privatbetrieb, bis er in die Grundmühle im Weißbachtal bei Töttelstedt zog. Nach Umwegen lebt er dort heute wieder als Wirt des urigen Lokals.


Elena Rauch / 11.10.11 / TA

11.10.2011 von Thomas Hartmann

Bild:     * Matthias Eichhorn ist in den Dörfern rund um das Weißbachtal als Grundmüller bekannt. Foto: Alexander Volkmann

Zum Start der Bilderschau ein Bild anklicken.